Einst sprach die Menschheit zehntausende Sprachen – was ist aus ihnen geworden? + test

Bronzebuchstaben auf einer alten Weltkarte

Englisch, Spanisch, Deutsch – die Sprachen, die heute an Universitäten gelernt werden, sind eigentlich Überlebende. Eine in „Science“ veröffentlichte Studie zeigt, dass vor 1000 bis 3000 Jahren bis zu 75.000 Sprachen gleichzeitig existierten, heute sind es rund 7500. Überraschend: Der große Rückgang begann lange vor dem Kolonialismus, und vor dem Ackerbau gab es wohl weniger Sprachen als heute – und am Ende kannst du testen, wie viel Polyglott in dir steckt.

Inhalt

⇑7500 Sprachen – und doch nur ein Bruchteil

Rund 7500 Sprachen werden heute auf der Welt gesprochen. Das klingt nach einer gewaltigen Zahl, nach einem Babel, das niemand je überblicken könnte. Neue Forschung zeigt jedoch: Diese Vielfalt ist nur ein Rest. Wer heute Englisch, Spanisch oder Deutsch lernt, lernt im Grunde eine Überlebende – eine Sprache, die es durch einen langen historischen Filter geschafft hat, während unzählige andere auf der Strecke blieben.

Wie viele es einmal waren und warum sie verschwanden, hat ein internationales Team nun systematisch zu rekonstruieren versucht. Das Ergebnis überrascht selbst die Beteiligten.

⇑Eine Karte aus 12.000 Jahren Sprechen

Forschende aus Deutschland, Spanien und den USA haben die Entwicklung der sprachlichen Vielfalt über die letzten 12.000 Jahre nachgezeichnet – also über das gesamte Holozän, jene Epoche, die vor etwa 12.000 Jahren begann. Veröffentlicht wurde die Studie in der Fachzeitschrift „Science“.

Hauptautor Damian Blasi fasst die zentrale Erkenntnis so zusammen: „Die Sprachen, die wir heute kennen, sind die Überlebenden eines massiven und hochselektiven historischen Engpasses.“ Anders gesagt: Was heute gesprochen wird, ist nicht einfach das, was schon immer da war, sondern das, was übrig blieb.

⇑Vor dem Ackerbau war es stiller

Man könnte vermuten, dass die Welt der frühen Jäger und Sammler ein Flickenteppich aus unzähligen Kleinsprachen war. Genau das scheint aber nicht zu stimmen. „Eine der ersten Überraschungen war, dass die Welt unmittelbar vor dem Ackerbau wahrscheinlich keine außergewöhnliche sprachliche Vielfalt aufwies“, sagt Co-Autor Russell Gray vom Max-Planck-Institut. „Es gab höchstwahrscheinlich weniger Sprachen als heute.“

Den eigentlichen Schub brachte die Landwirtschaft. Der Mechanismus lässt sich in wenigen Schritten beschreiben:

  • Bäuerliche Gemeinschaften breiteten sich aus und besiedelten neue Gebiete.
  • Mit der Zeit wuchs die Entfernung zwischen Gruppen, die einst dieselbe Sprache sprachen.
  • Die Distanz führte zu Isolation – der regelmäßige Austausch brach ab.
  • Aus lokalen Dialekten wurden nach und nach eigenständige Sprachen.

Die sprachliche Vielfalt wuchs so, erklärt Gray, über Jahrtausende hinweg parallel zur menschlichen Bevölkerung.

⇑Das Goldene Zeitalter der Sprachen

Der Höhepunkt kam erstaunlich spät. Vor 1000 bis 3000 Jahren existierten nach den Berechnungen des Teams zwischen 20.000 und 75.000 Sprachen gleichzeitig. Die Forschenden sprechen von einem Goldenen Zeitalter der sprachlichen Vielfalt.

Die große Spannweite der Schätzung zeigt, wie unsicher jeder Blick so weit zurück bleibt. Doch selbst die untere Grenze liegt weit über dem heutigen Stand. Co-Autorin Claire Bowern von der Yale-Universität bringt es auf den Punkt: „Das überraschendste Ergebnis ist, wie spät der Höhepunkt offenbar stattfand.“

⇑Der Engpass der Geschichte

Nach dem Höhepunkt ging es rasch bergab. Verantwortlich dafür waren vor allem expandierende Bevölkerungsgruppen, Staaten und Reiche. Sie trugen ihre Sprachen in bis dahin unabhängige Gemeinschaften – und mit ihnen auch Menschen und Krankheiten.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Dieser Prozess setzte lange vor dem europäischen Kolonialismus ein, der vor etwa 500 Jahren begann. Der Kolonialismus war demnach nicht der Auslöser des Sprachensterbens, sondern eine weitere Welle in einer viel älteren Entwicklung. Die Landwirtschaft hatte damit eine doppelte Wirkung. Zuerst vervielfachte sie die Sprachen, später ermöglichte sie jene zentralisierten Reiche, die viele davon wieder verdrängten.

⇑Wie zählt man Sprachen, die nie aufgeschrieben wurden?

Die methodische Hürde liegt auf der Hand. Schrift gibt es erst seit etwa 6000 Jahren, und für den allergrößten Teil der Sprachen, die je existierten, gibt es keinerlei schriftliche Zeugnisse.

Das Team wählte deshalb einen Umweg. Es kombinierte ethnografische Daten von 171 Jäger-, Sammler- und Fischergemeinschaften mit historischen Bevölkerungsschätzungen. Darauf aufbauend kamen statistische sowie sozial-rechnergestützte Modelle zum Einsatz, die abschätzen, wie viele Sprachen eine Bevölkerung unter bestimmten Bedingungen hervorbringt. Marcus Hamilton von der University of Texas at San Antonio sieht darin „einen innovativen Ansatz zum Verständnis der Dynamik der menschlichen kulturellen Vielfalt in der Vergangenheit“.

⇑Was das für Sprachenlernende bedeutet

Die Studie wirft ein neues Licht auf eine scheinbar banale Frage: Warum lernen so viele Menschen ausgerechnet die wenigen großen Sprachen? Nicht unbedingt, weil diese besser, logischer oder schöner wären. Blasi formuliert es so: „Ein linguistisches Merkmal ist womöglich nicht deshalb gang und gäbe, weil es per se überlegen ist, sondern weil es durch expandierende Bevölkerungsgruppen weiterverbreitet wurde.“

Das gilt für grammatische Eigenheiten ebenso wie für ganze Sprachen. Ihre heutige Verbreitung ist oft ein Zufall der Geschichte – eine Frage davon, wer sich ausbreitete, und nicht, wer die elegantere Grammatik hatte.

Daraus ergibt sich noch eine Perspektive. Sprachensterben ist kein ausschließlich modernes Phänomen. Blasi hält es sogar für möglich, dass das Aussterben die sprachliche Vielfalt weitaus tiefgreifender geprägt hat, als bisher angenommen.

⇑Fazit

Die rund 7500 Sprachen von heute sind nur der Rest einer einst weit größeren Vielfalt. Ihren Höhepunkt erreichte sie nicht in grauer Vorzeit, sondern vor 1000 bis 3000 Jahren – mit womöglich bis zu 75.000 Sprachen gleichzeitig. Der Rückgang begann lange vor dem Kolonialismus, getrieben von Staaten, Reichen und wachsenden Bevölkerungen. Welche Sprachen überlebten, entschied oft weniger ihre Qualität als die Geschichte derer, die sie sprachen.

⇑Fünf Fragen: Was für ein Polyglott bist du? (Test)

5 Fragen · eine Minute

1. Du hörst in der Straßenbahn eine fremde Sprache. Was tust du?

2. Wie gehst du an den Sprachkurs im Studium heran?

3. Was interessiert dich an einem Wort mehr: woher es kommt oder wie man es schreibt?

4. Ein Erasmus-Aufenthalt in einem Land, dessen Sprache du nicht sprichst?

5. Mundart oder Regionalwörter deiner Oma?


veröffentlicht: 2026-09-25
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