
Rund ein Drittel seines Lebens verbringt der Mensch in einem unbewussten Zustand, ein Viertel der Schlafzeit entfällt auf Träume, und am Morgen ist fast alles davon wieder weg. Ein Team der IMT School for Advanced Studies Lucca hat mehr als 3 700 Traumberichte von fast 290 Freiwilligen ausgewertet und kommt zu dem Schluss: Träume sind kein Zufall, sondern hängen davon ab, wer träumt und was er tagsüber erlebt hat — also auch davon, wie gut man sich morgens erinnert, ob vertraute Orte auftauchen und wie ernst man die Sache nimmt.
Warum der Mensch etwa ein Drittel seines Lebens unbewusst verbringt – schlafend oder beim Versuch einzuschlafen –, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Etwa ein Viertel der gesamten Schlafdauer entfällt dabei auf die Traumphase. Geträumt wird jede Nacht, doch fast alles davon ist am Morgen wieder vergessen.
Göttliche Botschaften, wie viele antike Kulturen glaubten, sind Träume nicht. Die Mehrheit von ihnen ist von negativen Emotionen geprägt: Angst, Sorge, Traurigkeit. Positive Gefühle wie Freude kommen seltener vor. Offen bleibt die Frage, warum manche Träume lebendig und real wirken, während andere vage bleiben und überhaupt keinen Sinn ergeben.
Ein Forschungsteam der IMT School for Advanced Studies Lucca in Italien hat genau das versucht. Im Zeitraum von 2020 bis 2024 analysierte und verglich es mit Techniken der natürlichen Sprachverarbeitung mehr als 3 700 Traumerlebnisse von fast 290 Freiwilligen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren. Über zwei Wochen hinweg protokollierten die Teilnehmenden ihre täglichen Erlebnisse, während die Forschenden Daten zu Schlaf, Gehirnfunktion, Persönlichkeit und psychologischem Profil sammelten. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Communications Psychology”.
Das Resultat fiel weniger banal aus, als es klingt: Träume sind nicht einfach nur direkte Wiederholungen des Alltags. Vertraute Umgebungen wie Arbeits- und Lernorte tauchten zwar auf, entsprachen jedoch nicht der Realität. Stattdessen schien es, als würde das Bewusstsein der Realität seine eigene kreative Note verleihen.
Eine Erklärung dafür liefert die Hauptautorin und IMT-Forscherin Valentina Elce: „Der Schlaf ist ein Zustand, in dem das Gehirn im Vergleich zum Wachzustand stärker von der Umgebung abgekoppelt ist”. Ohne nennenswerte Einmischung der Außenwelt könne das Gehirn entfernte Konzepte und Zusammenhänge erkunden, die tagsüber aufgenommenen Informationen verarbeiten und auf diese Weise Neues lernen und Erinnerungen festigen.
Untersucht wurden mehrere Faktoren:
Zwei Zusammenhänge stachen heraus. Ungewöhnliche, fragmentierte und ständig wechselnde Träume hingen mit einer häufig abschweifenden Gedankenwelt zusammen. Tiefe, emotional intensive Träume standen dagegen im Zusammenhang mit einem starken Glauben an die Bedeutung sowie den Sinn von Träumen.
Bemerkenswert ist auch, wer hier ausgewertet hat. Die Studie wies auf das Potenzial von KI in der Traumforschung hin und zeigte, dass NLP-Modelle die Bedeutung und Struktur von Träumen ebenso zuverlässig erfassen können wie menschliche Fachleute. Das ebnet den Weg für skalierbare und reproduzierbare Forschung zu Bewusstsein, Gedächtnis sowie psychischer Gesundheit – also für Felder, in denen große Datenmengen bisher nur mühsam von Hand ausgewertet werden konnten.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Träume nicht nur ein Spiegelbild vergangener Erfahrungen sind, sondern ein dynamischer Prozess, der davon geprägt wird, wer wir sind und was wir erleben”, schlussfolgerte Elce.
Für Studierende ist an der Arbeit weniger das Traumdeuten relevant als der Mechanismus, den sie beschreibt. Der Schlaf ist die Zeit, in der das Gehirn die Informationen des Tages verarbeitet und Erinnerungen festigt – also genau die Phase, in der Gelerntes hängen bleibt. Wer Prüfungsstoff in kurze Nächte presst, kürzt den Prozess, der aus Wiederholung Wissen macht.
Der zweite Punkt betrifft das Abschweifen der Gedanken. In der Studie taucht es als Merkmal auf, das nicht am Abend endet, sondern sich in der Struktur der Träume fortsetzt. Wie zerstreut jemand durch den Tag geht, ist damit nicht nur eine Frage der Konzentration am Schreibtisch.
Mehr als 3 700 Traumberichte von fast 290 Menschen zeigen: Der Inhalt von Träumen ist kein Rauschen, sondern hängt mit Persönlichkeit und Alltagserfahrung zusammen. Vertraute Orte kehren wieder, aber verändert. Fragmentierte Träume passen zu abschweifenden Gedanken, tiefe und emotionale zu dem Glauben, dass Träume etwas bedeuten. Und die Auswertung übernahmen Sprachmodelle – ebenso zuverlässig wie Fachleute.
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